Letzte Ausstellung

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Ausstellung bis 25. März

5.3.-25.3 Förderkreis Kunst Schönaich, Rathaus:

H.P.Schlotter

„Bilder, Objekte, Skulpturen“

Vernissage 4.3.2018

Einladung Schoenaich als pdf

Irene Ferchl bei ihrer Einführung

H. P. Schlotter, Bilder – Objekte – Skulpturen
Zur Ausstellung im Rathaus Schönaich am 4. März 2018

Ohne Titel oder Von den Denkwürdigkeiten eines Künstlers

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,
lieber Peter,

ich freue mich sehr, an diesem frühlingshaften Sonntagmorgen, in dieser schönen, großen und ungemein vielseitigen Ausstellung sprechen zu dürfen. Nur eines ist merkwürdig, fast ein wenig irritierend: Sie trägt keinen Titel.
Gab es das schon mal? Wo Peter Schlotter doch derart einfallsreich ist, was die Benennung seiner Arbeiten angeht, geradezu titelverliebt!
Von den achtzig Bildern, Skulpturen und Objekten, die Sie hier sehen, sind beinahe alle benannt: mindestens schlicht beschreibend – als Schale, Tisch, Stillleben, Figur, Gefäß –, meistens phantasievoll und Assoziationen anregend: »Jetzt ist es vorhanden«, »Bits and Pieces«, »Macht und Pracht«, manchmal hintergründig belehrend: »Hybrid« oder »Chrysalis«, nicht selten poetisch: »Ort unerreichbar«, »Memoria della Memoria«, oft anspielungsreich: »Ceci n’est pas« »My Back Pages«, »Die Spur erschöpfter Dinge« …
Wir kommen darauf zurück.
Eigentlich hätte ich Peter Schlotter danach fragen können, ich habe es schlicht vergessen, sogar, als ich ihm versprach, bis heute Morgen über den Titel für ein unbenanntes Bild nachzudenken …

Schalen, Vasen, Urnen
Lassen Sie uns gemeinsam einen kleinen Rundgang unternehmen, beginnend mit dem großformatigen »Gefäßpaar« von der Einladung und einigen Bildern mit Schalen, die bei Schlotter seit vielen Jahren ein häufig verwendetes, fast kann man sagen: zentrales Sujet bilden.
Zuerst waren es Schalen von zeitlos perfekter Ästhetik: schwarz, gefüllt mit Blau oder mit luftigen Wänden wie aus Nichts, später gelb.
Diese Schalen, nach dem alten Wort für Gefäß „Kar“ genannt (vgl. die derzeitige Gruppenausstellung in Dätzingen), sind archaische Gegenstände, Behältnisse, die die Menschen der Frühzeit geformt haben, um daraus zu trinken, daher uns so selbstverständlich. Zudem als Halbkugel wohl die denkbar harmonischste Form überhaupt: bergend, schöpfend, präsentierend, mit einer vagen Konnotation von Weiblichkeit.
Gelegentlich findet sich Geflochtenes, Korbähnliches, worin etwas bewahrt oder eingefasst wird; seit einiger Zeit tauchen auf den Gemälden Vasen auf, die, von chinesischer Provenienz und fast figürlichem Umriss, ihren Inhalt mehr verbergen als zeigen. Mir scheint, dass diese uns so vertrauten, klassischen Vasenformen – bauchig, mit kleinen Henkeln unterhalb des Randes – unter dem Einfluss von Griechenlandreisen neuerdings eine Anmutung von Amphoren erhalten haben, sie könnten Vorratsbehälter sein. Peter Schlotter sprach bei unserem Rundgang von dem »Urnencharakter« dieser Gefäße, die der Aufbewahrung von Tagesresten dienen …
Vielleicht ist es unnötig zu betonen, dass es hier nicht um die Darstellung realer Objekte geht, sondern um das Thema der Malerei selbst. Man muss wissen, dass hier zunächst eine Leinwand bemalt und dann im zweiten Schritt mit der Vasenform (teils nur ihrer Silhouette) übermalt wurde, anders formuliert: Inhalt oder Dekor des Gefäßes sind die Untermalung, die die Übermalung bestimmt. Das heißt: die Vasenform ist voller Malerei oder: Der Malprozess selbst wird in Gefäße gefüllt.
Und wir lassen uns wunderbar täuschen über Räumlichkeit.
Das gilt nicht nur für Gefäße, sondern genauso für die Dinge, seien es Blätter, Früchte Schoten, blaue Stücke, fliegende Teile. Kein Objekt ist starr fixiert: es fällt oder steigt oder schwebt. Noch ein Stillleben wirkt in seiner Schwerelosigkeit lebendig und nur für diesen Moment ausbalanciert, denn in der nächsten Sekunde könnte sich alles verändern, zerfallen, zerfließen, aufbrechen oder sich wieder neu zusammenfügen.
Man muss nicht eigens betonen, dass die Gegenstände für Horst Peter Schlotter nicht Selbstzweck sind, sondern dass er sie zum Anlass nimmt, Farben und Formen zu erproben, lustvoll mit ihnen zu spielen, sie in Bewegung zu setzen oder zum Innehalten zu zwingen – und sie dabei ein Eigenleben entfalten lässt. Statik und Labilität ist sein Thema, wie es früher und teilweise neuerdings wieder das Wachsen von Pflanzlichem oder das Unterwegssein von Gehäusen war.
Betrachten Sie einmal die »Tischrunde«. Ist man nicht verführt, von einem halben Dutzend ernsthafter Gestalten zu sprechen, die sich ihre schwarzen Köpfe zerbrechen über den Inhalt der vor ihnen stehenden Schalen? Die Köpfe sind mit einer Art Nimbus versehen, der jedoch statt der Heiligkeit die Physiognomie markiert. Und alles auf diesem »Paarbild« ist in seltsamer Bewegung …
Wenigstens kurz erwähnt sei hier, dass nicht wenige Arbeiten von Schlotter schon seit den neunziger Jahren »Doppelbilder« oder »Paarbilder« sind, das heißt: sie bestehen aus zwei Leinwänden, die gleich oder verschieden breit sind, parallel bearbeitet wurden und unter Umständen nach dem Malprozess auch umgedreht werden können. Sie zeichnen sich durch eine besondere Art der Spannung zwischen ihren Teilen aus, einer Spannung aus Gemeinsamkeiten und Unterschieden, den Verklammerungen und Abgrenzungen samt einem ungenannten, unbekannten Dazwischen. Immer benötigen sie ein Gegenstück, denn das Geheimnis ihrer Harmonie liegt in der Balance.

Skulpturen und Objekte
Eine Bemerkung noch zu den Köpfen, die ja auch Gefäße sind – Denkgefäße. Nicht weit entfernt davon steht die schwarze Skulptur »Denkgebäude«, deren oberer Teil ein liegender Kopf ist – Kunstkenner denken vielleicht an Brancusis »Schlummernde Musen«, freilich von diesem aus Bronze und Alabaster gefertigt, während Schlotters große plastische Arbeiten aus Holz sind und höchstens auf Metallflächen als Basis stehen. Hier die hohe Frauenfigur mit schmaler Taille, »Queen« genannt wegen ihrer königlichen Haltung und ihrem Kopfputz, einer Art Krone.
Ebenfalls ein Torso ist die kleine »Nymphe«, die sich unter der Uhr ein bisschen fremd zu fühlen scheint – sie steht sonst an einem Teich und wer sie kauft, sollte ihr unbedingt ein entsprechendes Ambiente gönnen …
Oben finden sie die ausdrucksvolle »Geste« (mit den beiden Händen) und die »Figur«, zwischen denen 16 Jahre liegen, unten die »Stele« mit dem blauen Gesicht.
In einer Vitrine gibt es außerdem ein Dutzend kleiner Objekte, auf die ich im Einzelnen nicht eingehen will. Nur so viel: bis auf wenige aus Terracotta oder Ton geformte Figuren sind es überarbeitete Fundstücke, witzige, phantasie-anregende »objets trouvés« wie die Assemblagen aus verschiedenen Materialien, der »Kamm« in dem so allerlei hängen blieb, oder »Geräuschlos« mit dem anspielungsreichen Titel »Ceci n’est pas …« – Sie wissen schon: Magrittes Pfeife.

Fundstücke
Gefundenes spielt eine immense Rolle bei Schlotter, seien es tatsächliche objets trouvés, also Gegenstände aus dem Alltag, aus dem Garten, von unterwegs mitgebracht, die seit jeher in Schränken und Regalen aufbewahrt werden und irgendwann Verwendung finden, gern auch nur als Idee für gemalte Dinge oder Undinge. Daneben gibt es gefundenes Material verschiedenster Art: alte Papiere, gebrauchte Leinwand, Fotografien oder andere Abbildungen aus Büchern und Magazinen, die übermalt, überzeichnet, collagiert werden, und zwar derart, dass man meistens nicht mehr erkennt, was Vorlage und was künstlerischer Eingriff ist.
Schauen Sie sich nachher in der einen Vitrine die »Bildinterventionen in Mischtechnik« aus der Serie »Wie zur Zeit der Wunder« an oder versuchen Sie »Die Spur erschöpfter Dinge« zu ergründen, auch eine Serie, deren Titel wiederum auch ein Zufallsfund ist, nämlich einem Gedicht des surrealistischen Dichters Paul Èluard entnommen.
Darüber, in welchen literarischen Texten Schlotter schon überall seine Titel gefunden hat, ließe sich jetzt lange sprechen, ihm kommt jedoch nicht nur seine Lektüre dafür zupass, sondern fast genauso oft das Hören von Musikstücken.
Beispiel: »My Back Pages«. Bei vielen von Ihnen wird es jetzt vermutlich schon im Kopf summen, denn den Refrain kennen Sie: »Ah, but I was so much older then / I’m younger than that now«. Na? Klar: Bob Dylan.
Inspiriert von seinem Song, beziehungsweise Zeilen daraus (wir finden, dass Dylan den Literaturnobelpreis doch nicht ganz zu Unrecht erhalten hat), Zeilen, die auf den Blättern zu lesen sind (wie »using Ideas as my Maps«) hat Schlotter im vergangenen Jahr zunächst eine kleinformatige Serie geschaffen und zwei Blätter davon vergrößert.
Die Technik ist kurz gesagt ungefähr folgende: Auf der Rückseite von Papieren, auf der Schrift oder Prägungen durchscheinen, wird collagiert, übermalt, das Ganze gescannt, gedruckt und malerisch weiter verarbeitet. Der Effekt gerade bei den »Blow ups« ist grandios, mich begeistern diese drei Papierarbeiten, von denen die beiden äußeren eben »My Back Pages« heißen, während das mittlere einer anderen Serie entstammt: »Macht und Pracht«. Vorlage war das Berliner Schloss mit seinen barocken Spuren, darüber hat Schlotter gezeichnet: Boote und etwas (durch das rote Kreuz) an Decken erinnerndes – man darf durchaus an Überfahrten denken.
Diese drei Werke sind »Hybride« aus dem letzten Jahr, ein zweiteiliges großes, das sogar diesen Titel trägt, stammt aus der Anfangszeit dieser Werkgruppe, von 2009: Gebündelt und gekreuzt, geschichtet und gemischt – überraschen die Hybrid-Bilder mit neuen geheimnisvollen Formen und leuchtenden Farbkombinationen, erscheinen zugleich aber vertraut; blaue Stücke und biomorphe Teile schweben entgegen den Gesetzen der Schwerkraft, Strukturen durchdringen und überlagern sich, Striche schaffen Räume und der Raum wandelt sich zur Fläche. Spontan meint man, Früchte, Samen, Blüten zu sehen – oder täuscht man sich? Sind es Zellhaufen mit Kernen, Wasserwesen, Insekten, Innereien? Der Künstler nennt diese Werkserien »Naturgeschichte« und »Aus der Naturlehre«, das klingt seriös, wissenschaftlich und eindeutig. Basieren sie doch auf alten Schautafeln aus dem Biologieunterricht. Die älteren unter uns werden sich an solche noch erinnern – an die ambivalenten Gefühle, anziehend und abschreckend zugleich.
Fragmente dieser Lehrtafeln, übrigens perfekte Vorlagen, weil in ungerastertem Siebdruck hergestellt, wurden von Schlotter übermalt, überklebt, gescannt, geplottet und wiederum übermalt. Zu den traditionellen künstlerischen Techniken wie Collagieren und Übermalen kommen die neuen Möglichkeiten des Scannens (kennt inzwischen jeder) und Plottens, des vergrößerten Ausdruckens der Digiprints auf einem Trägermaterial, das der Leinwandstruktur ähnelt. Seit einer Reihe von Jahren benutzt er diese neue Art der Mischtechnik, entstanden aus mehreren, aufeinander folgenden Arbeitsgängen – in der Musik würde man von Sampeln sprechen.

Farbigkeit
Vielgängig und komplex kann die Herstellung von Bildern sein, aber auch spontan und in einer großzügigen, temperamentvollen Kombination aus Malen und Zeichnen.
Etwa bei der Werkreihe der »Capriccios« – das sind die leuchtend roten Papierarbeiten. Grundiert wurde mit einem Pigment (Fundstück aus alten Malerbeständen), versetzt mit Acrylbinder, jedoch so, dass das Eigenleben von Material und Auftrag sichtbar bleibt. Darauf hat Schlotter mit schwarzer Kohle oder Farbe gezeichnet – Formen von Schalen, Schoten, Früchten, Teilen, Strukturen, die wir, auch in ihrer Bewegung, bereits kennen, oft angeschnitten, als zeige das Blatt einen Ausschnitt – damit wir Betrachter weiterdenken können.
Apropos denken: Bei dem italienischen Begriff »Capriccio« drängt sich natürlich der Gedanke Goya auf, dessen Radierzyklus »Los Caprichos« die spanische Gesellschaft in den 1790er Jahren kritisch-satirisch beleuchtet, das bekannteste seiner rund achtzig Blätter ist »Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer«.
Bei Schlotter trifft der Wortsinn – Einfall, unbeschwerte Laune – vielleicht mehr zu als bei Goya, und seine ethymologische Vermutung, dass »capriccio« von capra = Ziege herkommt und so was wie Bocksprünge bedeutet, leuchtet unmittelbar ein. Dass es auch mit kapriziös verwandt sein könnte, behaupte ich jetzt mal frech.

Ich war aber eigentlich beim Thema Farbigkeit. Neben dem leuchtenden Rot findet sich ein gedeckteres warmes Chromrot, Gelb gibt es sonnig leuchtend und ocker, dann das hochgiftige »Schweinfurter Grün« (ein Türkis wie bei den oxydierten Kupferdächern) aber vor allem: Blau!
Ultramarinblau oder, wie der geschätzte Kollege und Freund Tobias Wall sagte: »Schlotterblau«. Er ist studierter Kunsthistoriker, ich darf es also guten Gewissens entlehnen.
Trotz der Farbigkeit, die sich im Lauf der Jahre und Jahrzehnte wandelte und derzeit gewissermaßen parallel vorhanden scheint, ist Peter Schlotter eher Zeichner als Maler – behaupte ich jetzt mal – und zwar wegen der Strichführung, der subtilen Binnenstrukturen, der Transparenzen.

Eines meiner Lieblingsbilder in dieser Ausstellung heißt »Chrysalis«. Ich kannte den Begriff bisher nicht, Peter Schlotter hat mich aufgeklärt. Unter Chrysalis versteht man das Insekt in der Metamorphose, also der Verpuppungsphase, dem Puppenstadium zwischen Larve und Insekt. Das deutsche Wort »Puppe« allerdings ist zu stark von dem Lieblingsspielzeug kleiner Mädchen zwischen Baby- und Barbie- geprägt, deswegen taugt der zoologische Fachbegriff besser.
Was die Arbeit auszeichnet: Auf einer ungrundierten Leinwand entpuppt sich ein vielschichtiges Bild, da scheinen Flügel durch und Extremitäten – elfenhafte Beine (es sind, so wurde ich belehrt, Hände aus einem medizinischen Buch) –, ein Kokon ist mit weißem Strichen angedeutet, aber zwischen diesen Schichten kann man sich verlieren … Oder an Mörikes Gedicht denken: »Sieh, der Kastanie kindliches Laub hängt noch wie der feuchte Flügel des Papillons, wenn er die Hülle verließ«…
Dass daneben die schwarze Nymphe steht, kann kein Zufall sein: Sie wissen, dass als Nymphen die noch unentwickelten Insekten, in einem Stadium zwischen Larve und Imago, dem zoologisch so genannten Erwachsenenzustand, bezeichnet werden, ich dachte, eigentlich vor allem bei den Libellen. Aber verlassen wir jetzt die Biologie. »Imago« bedeutet ja nun auch das Bild und das Bild entpuppt sich gleichfalls beim Machen …

Aus den Büchern, Tag für Tag
Allmählich komme ich zum Ende, möchte aber doch noch ein paar Sätze über die Tagebücher und die Malbücher verlieren. Seit 1979 füllt Peter Schlotter jährlich ein bis zwei dieser großformatigen, eigens für ihn angefertigten Bände, dazu kleinere Künstlertagebücher und Skizzenbücher. Tag für Tag notiert er zeichnerisch, malerisch, collagierend seine Gedanken, Erlebnisse, Empfindungen, planlos und rätselhaft, aber konsequent; bewusst-unbewusst, manchmal als Notat einer später ausgeführten Bildidee, immer als Bewahren von Erinnerung. »Was vom Tage übrigblieb«, möchte man formulieren – nach dem Titel eines übrigens unbedingt lesenswertes Romans des aktuellen Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro. Dessen Essenz ist, etwas unzulässig verkürzt, die Erkenntnis des Protagonisten, dass am Abend, also dem Ende des Tages wie am Lebensabend, noch einmal die Lichter aufleuchten, ein Rückblick nötig und möglich wird, der – das muss man vielleicht gar nicht explizit sagen – ein Konglomerat ist von Freude und Wehmut, Bestätigung aus Gelungenen, Bedauern über Versäumtes, ein vielfältiger Rückblick jedenfalls.
Da gibt es ein Bild, rotgrundig, hochformatig, ziemlich neu aus dem letzten Jahr, darauf eine hellblaue-graue Schale auf einem Tisch, darüber zwei dieser dynamischen, schoten-fisch-förmigen Flugkörper und etwas Übermaltes, Vergangenes, dazwischen eine positive wirkende gelbe Linie, ein Sonnen- oder Mondverlauf möglicherweise – und darin steht »memoria della memoria«. Es sei eine Erinnerung an alte eigene Bilder, sagt Schlotter, das glauben wir ihm gern.
Ich hatte, Sie erinnern sich, etwas versprochen: einen Titel für das unbenannte Bild (o.T. Gehäuse) mit dem kompakten bräunlichen Möbel, ein Kasten / Schrank auf dünnen Beinen vor schlotterblauem Hintergrund, darauf eine gelbe Schale, auch dies ein vielfaches memoria: Die Leinwand mit Naht und Knopflöchern gab die Komposition vor, die drei Schubladen bergen allerlei undefinierbare, rätselhafte Strukturen. Ich gebe dem Bild einen Titel, ob er dem Künstler gefällt, weiß ich nicht: »Memorabilien«, oder deutsch: »Denkwürdigkeiten«.
© Irene Ferchl, März 2018

Ausstellung Schloss Dätzingen

Die Ausstellungseröffnung beim Kulturkreis Grafenau war sehr gut besucht.

Corinna Steimel, Leiterin der Städtischen Galerie Böblingen hielt die Eröffnungsrede.(Text s.unten)

Das Photo zeigt H.P.Schlotter und die Künstlerinnen Gertrud Buder und Linde Wallner

sowie Rita Graf vom Kulturkreis.

Die Ausstellung ist bis zum 18.3. zu den Ausstellungszeiten zu sehen.

Ausstellungseröffnung “Kar”

 

mit Gemälden, Zeichnungen, keramischen Objekten, Skulpturen und Installationen von den drei Künstlerpersönlichkeiten Gertrud Buder, Linde Wallner und Horst Peter Schlotter

 

Bevor wir uns den ausgestellten Exponaten und Werkgruppen der Ausstellungsbeteiligten eingehender widmen, wollen wir zur besseren Orientierung zunächst den Titel der Schau genauer betrachten.

 

Denn „KAR“– auf den ersten flüchtigen Blick wenig mehr als eine aus drei Buchstaben bestehende Silbe – hat es bedeutungstechnisch in sich.

 

Ich weiß nicht, wie es Ihnen ergangen ist, mich jedenfalls hat das Wort, als ich es auf der Einladungskarte erstmals gelesen habe, zum Grübeln gebracht. Zugegebenermaßen dachte ich zuerst: „Kenne ich nicht, gibt es nicht“.Mir erschien es seltsam, einen solchen Titel zu wählen, denn eigentlich will man als Ausstellungsmacher doch so viel wie möglich in die Überschrift der Schau setzen, um damit im besten Fall das Interesse oder zumindest Neugierde der potentiellen Besucher zu erwecken.

 

Aber, das mir unbekannte Wort hat mich aufgrund seines geheimnisvollen Klangs gedanklich weiter beschäftigt. Ich wollte hinter das Geheimnis kommen, es mir inhaltlich erschließen und habe dafür einige Überlegungen angestellt.

 

„Karaffe“, war glaube ich im Nachhinein mit Unterstützung der abgebildeten Bilder auf der Einladungskarte eine der ersten Assoziationen.

Ein Privileg, wenn man als Rednerin engagiert wird, ist vor allem, dass man ohne Scheu nachfragen darf. Und das habe ich dann auch ziemlich bald, mit meiner Weisheit am Ende aber wissbegierig wie ich bin, getan. Horst Peter Schlotter, der sich für den Titel stark gemacht hatte, schickte mir seine Erläuterungen dazu, die da gekürzt und frei wiedergegeben lauten:

 

„Kar“, oder auch die länger gesprochenen Varianten „Kahr, Kaar“ (also mit H oder Doppel-A geschrieben) sind alte germanische Worte für im weitesten Sinne geschirrartige Behältnisse oder Gefäße jeglicher Art. Es leitet sich etymologisch, also vom Wortstamm her betrachtet, von „kas“, dem gothischen Wort „Vase“ oder nach der Umlautung des „s“ vom althochdeutschen „char“ ab (was mit „ch“ am Wortanfang geschrieben wurde) und welches „Trog“ oder „Krug“ meinte.

 

Wenn man „Kar“ in der bequemsten Suchmaschine der Welt, bei Google, eingibt, wird folgende, heute gebräuchliche Wortverwendung ausgespuckt, ich zitiere:

 

„Als Kar (in Klammer Talform) (frz. cirque, engl. corrie) bezeichnet man kesselförmige Eintiefungen an Berghängen unterhalb von Gipfel- und Kammlagen, die von sehr kurzen Gletschern (Kargletschern) ausgeschürft worden sind.“

 

Mit diesen Erläuterungen sind jedoch nur wenige Deutungsebenen des Ausgangswortes „Kar“ erfasst, denn es gibt noch unzählige weitere, die durch die Zeitläufte hindurch mit Veränderungen, sowohl des Wortstamms oder der Wortbedeutung einhergehen – und damit sind wir bei einem der springenden Punkte hinter der Ausstellungsintention angelangt.

 

Denn wie die Änderungen der Sprache abhängig von der Zeit, haben wir es auch in unserem täglichen Dasein mit Veränderungen oder Verwandlungen, oder schöner ausgedrückt, mit Metamorphosen, zu tun.

Momentan ist beispielsweise der so genannte „digitale Wandel“ in aller Munde, dem wir uns in allen möglichen Lebenslagen und Lebensbereichen anzupassen haben. Falls wir das nicht können oder wollen, laufen wir schlichtweg Gefahr, schneller zu veralten oder auf dem Abstellgleis zu landen, als wir je geahnt hätten.

 

Eine kleine Anekdote sei mir am Rande gestattet: Ich erinnere mich noch gut ans Ende meines Studiums. Seither ist kaum ein Jahrzehnt vergangen. Damals hätte ich es mir niemals getraut zuzugeben, dass ich in der Internet-Suchmaschine Google etwas „nachgeschaut“ habe. Weil so etwas war regelrecht verpönt.

Wenn ich Ihnen heute jedoch gesagt hätte, dass ich das Wort im Wörterbuch oder Lexikon nachgeschlagen habe, hätten Sie mich wahrscheinlich alle ungläubig angeschaut. Um es also ganz wertfrei auszudrücken: Die Zeiten ändern sich eben und Leben heißt Veränderung – und diese Gewissheit, oder auch dieser Lernprozess, ist in allen von uns angelegt.

 

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Uns haben sich also mit den vorangestellten Verständnisvorgaben des Titels schon zwei Bedeutungsebenen erschlossen und wir sind gewappnet, um zusammen auf Entdeckungstour durch die Ausstellung zu gehen.

 

Wenn wir die überwiegend in diesem Raum arrangierten, dreidimensional geformten und anschließend gebrannten und versiert glasierten Keramikkunstwerke der in Herrenberg lebenden und arbeitenden Künstlerin Linde Wallner betrachten, sehen wir vor allem Behältnisse in Form von Schalen, Schiffchen und Schüsseln, kugelförmig, turm- oder stelenhaft in Ausprägung vor uns.

 

Indem die Künstlerin die uralte Technik der Keramik, teilweise auch bezeichnet als „Irdengut“, heranzieht, und ihren Keramikkunstwerken ein wie bei Grabungsfunden bruchstückartiges Aussehen verleiht, vereint sie die gesamte, tradierte Menschheitsgeschichte in ihren Arbeiten, auf der Meta-Ebene.

 

Demnach fasst sie die Gefäßform sinnbildlich als die früheste aller Formgebungen, die Urform auf. Ihre Keramikarbeiten wecken nicht nur Gedanken an den funktionalen Zweck zur praktischen Aufbewahrung von Materiellem, wie etwa der lebensnotwendigen Nahrung, sondern können im metaphorischen Verständnis auch als Sammelbehälter für Ideen, als Auffangbecken für Träume oder als Gedächtnisspeicher für Erinnerungen stehen.

 

Ihre relativ neue Arbeit hier vor uns heißt „Logbuch“, ergänzt könnte es werden mit „des gelebten Lebens“. Denn in dieser dreiteiligen, von zwei Seiten ansichtigen Rauminstallation zeichnet die zurückhaltende Künstlerin die Spuren eigener Lebensstationen nach. Eingebettet als farbig untermalte Eindruck kann man z. B. die Spitzen ihres Brautkleids, das sie in sehr jungen Jahren getragen hat, erkennen.

 

Die 1943 in Stuttgart geborene Künstlerin hat sich der komplizierten Technik der Keramik seit Ende der 1970er-Jahre verschrieben. Obwohl diese künstlerische Ausdrucksweise seit jeher eher im Schatten der Malerei oder Bildhauerei stand und noch steht, war Linde Wallner seit Anbeginn vom Transformations-Prozedere, das dem keramischen Werkstoff innewohnt, begeistert – denn das Element Zufall spielt beim Brennvorgang immer mit und so spielt auch eine gewisse Offenheit gegenüber dem Endergebnis immer eine Rolle. Gleichermaßen ist Linde Wallner fasziniert von einem Herstellungsverfahren, das (wie bereits angedeutet) auf jahrhundertealte Überlieferungen zurückgeht.

 

Die Herstellung von Gefäßen, Skulpturen und anderen Werkstücken aus Keramik weist nämlich eine lange kulturgeschichtliche Entwicklung auf, die sich in einer seit dem 11. Jahrhundert vor Christus belegten Tradition in Japan widerspiegelt. Seit der Neuzeit tendierte die Entwicklung der Keramik hierzulande stark zur kunsthandwerklichen Herstellung und ging zunächst in Richtung industrieller Massenfertigung, um den wachsenden Bedarf an Gebrauchsgegenständen und dekorativem Geschirr durch das Bürgertum zu decken.

 

Die als Einzelstücke in einem Atelier oder Werkraum entstehende Kunstkeramik dagegen tritt erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch den Einfluss vor allem ostasiatischer Keramik und in der Aufbruchsstimmung der Strömung des Jugendstils in Erscheinung. Vor allem die japanische Gefäßkeramik in ihrer freieren Formgebung, ihrem unkonventionellen Umgang mit dem Material Ton und den experimentellen Möglichkeiten der Glasurgestaltung regten die Pioniere der modernen Keramikkunst an. Wie wir alle wissen ließ sich davon auch Pablo Picasso inspirieren und schuf parallel zu seinem grafischen und malerischen Werk in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts bedeutende Keramikskulpturen.

 

Die individuelle Oberflächensprache von Linde Wallners Kunstwerken ist besonders hervorzuheben: gröbere, körnige Strukturen treffen auf glatt polierte Flächen, die wiederum mit einer feinzisellierten, abstrahierten Zeichensprache und locker gezogenen Liniengefügen übersäht sind.

Oftmals sind ihre Objekte begleitet von einer tiefen Farbigkeit, einem mattierten Gelb, tiefdunklem Blau, einem fast Schwarz anmutendem Braun und vor allem einem immer wiederkehrenden, intensiven weil hochprozentig eisenhaltigen Rot.

 

Jemand sagte einmal über die Art des Arbeitens von Linde Wallner, es rufe das Vorstellungsbild einer Archäologin hervor, da ihre Objekte, „wie Landschaften wirken, die auch als Körper gelesen werden können, und Eindrücke von alten Hölzern, prähistorischen Funden, Behausungen, Rinden oder Flechten heraufbeschwören.“

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Die Bezeichnungen „Flechten“ und „Behausung“ eröffnen im Kontext unserer Ausstellungsthematik eine weitere wichtige Bedeutungsebene und leiten gleichzeitig elegant über zur nächsten teilnehmenden Künstlerin, namens Gertrud Buder.

 

Gleich hier an der Front sehen wir ihre Wandinstallation REGALLAGER oder LAGERREGAL. Je nachdem, ob von hinten oder von vorn gesprochen. Eine Zeichenkette, die vorwärts wie rückwärts gelesen ein- und dasselbe Wort ergibt, wird Palindrom genannt, eine besondere Form des bekannteren Anagramms. Aber das nur so nebenbei.

 

Nun sehen wir hier wie in einem Schrank gelagerte, auf Regalen geschichtete und nebeneinander gestapelte Gefäße vor uns. Jedoch nicht in greifbarer Form, sondern in ihren Umrissen. Das verwendete Material der Künstlerin ist hier ausschließlich Gras. Faszinierend für den Betrachter ist, wie zart sich dieser Naturwerkstoff als Zeichenmaterial herausstellt. Die einstmals in der Landschaft gewachsenen, nun getrockneten Grashalme scheinen regelrecht als abstrahierte Formen der Gegenstandswelt weiterzuwachsen.

 

Die 1952 in Memmingen geborene Textilkünstlerin, Designerin und Kunsthandwerkerin Gertrud Buder erhielt von 1972 bis 1974 eine Weberei-Ausbildung an der Webschule Sindelfingen. Im Anschluss daran studierte sie bis 1979 an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart das Fach „Textilgestaltung“.

 

Schon an diesem kreativen Karriereweg kann man ableiten, dass es der Künstlerin um die Stofflichkeit ihrer herangezogenen Werkmaterialien, das Gewebe im Allgemeinen und um deren „Webeigenschaften“ im Besonderen geht. Wie Leinen ist auch Gras ein gewachsenes Material. Das genaue Beobachten, die experimentelle und auslotende Herangehensweise, die das biegsame und doch brechbare Material fordert, die Bedingungen, die dieser Werkstoff in der sorgsamen Behandlung stellt, das Ausprobieren und Ausreizen von Positionierungen nennt die Künstlerin als Triebfedern ihres Schaffens.

 

Von einer philosophischen Dimension ist die Botschaft, die uns die Installation intuitiv vermittelt. Sie zwängt den Halmen nicht die Umrissform der konturiertenBehälter und Gefäße auf, zügelt sie oder zwängt sie in ein Korsett, sondern gibt ihnen den nötigen Freiraum, sich in ihrer von der Natur vorgegebenen Struktur zu entfalten. „So nah wie möglich an der Gegenstandsform, so frei wie nötig in der Formfindung“, das ist das spannungsvolle und beeindruckende Element hinter der Umsetzung.

 

So werden wir Betrachter in unserem Bedürfnis nach sorgsamem Umgang durch den seitlich stehen gelassenen Grashalm-Bund nahezu dazu verleitet, an der ruheverströmenden Installation „weiterzubauen“.

 

Wenn wir nun ein Stück weiter gehen, sehen wir, dass sich die Beschäftigung mit Gräsern bei Gertrud Buder seit 2004 verstärkt anbahnte und anhand ihrer Frottagen, die eigentlich ähnlich wie Skizzen gelesen werden könnten, konsequent fortentwickelte.

 

Sie alle kennen diese schon zu Kindheitstagen beliebte Technik (abgeleitet von dem französischen Wort frotter für „reiben“). Bei der Frottage wird die Oberflächenstruktur eines Gegenstandes durch Abreiben mittels Kreide oder Bleistift auf ein aufgelegtes Papier übertragen. Die Abreibung ist eine alte Drucktechnik, deren künstlerisches Potential von Max Ernst ab 1925 für die Bildende Kunst neu entdeckt und weiterentwickelt wurde. Der Legende zufolge hatte der Maler, Bildhauer, Zeichner und Grafiker, übrigens ein Autodidakt auf dem Gebiet der Kunst, ungeheure Angst vor einem leeren Blatt Papier oder einer unbemalten Leinwand. Mithilfe halbautomatischer Techniken, zunächst der Frottage, dann der Dekalkomanie, auch Farbabklatschverfahren genannt, oftmals in Kombination mit der Collage, überwand der wichtige Mitbegründer der DADA-Bewegung seine Furcht und wurde zu unnachahmlichen Meisterwerken angeregt.

 

Bei den mit schwarzer Kreide frottierten Serien von Gertrud Buder hat die Künstlerin an der Oberfläche der Gräser, den Wurzeln, Halmen und Blüten, entlang gestrichen, teilweise mit Unterbrechungen und unter Einbezug der Bruchkanten.

Auch hier wird die Rücksicht der Künstlerin auf die inhärente Eigenständigkeit des verwendeten Naturmaterials erkennbar. Indem sie die Abriebe sporadisch von der Kontur der Kanten und Brüche abweichen lässt, entstehen Konstrukte, welche Spannung zwischen Flächigem und Linienhaftem erzeugt und Dynamik durch Kraftkonzentrationen aufbaut. Das schwerpunktmäßige Verschieben von Formungen und Gewichtungen setzt variationsreiche Blickfänge, wie an der Folge der drei Blätter hier links für uns Betrachter visuell wunderbar nachzuempfinden ist. Die Fingerabdrücke, die sich beim Entstehungsprozess mal sichtbarer, mal weniger deutlich abbilden, stören dabei keineswegs. Verstanden als Spuren gehören sie mit zur Arbeit und lassen den Bearbeitungsvorgang des Bildträgers noch deutlicher hervortreten.

 

Aber nicht nur mit dem natürlichen Werkstoff Gras arbeitet Gertrud Bruder, wie man an den Objektarbeiten hier vorne sieht. Auch zieht sie Fundstücke aus dem Alltäglichen heran, wie hier rechts beim Wandobjekt „Innen“, in der sie aus dem Gärtnereibereich die Begrünungsmatte aus Kunststoff heranzieht und wiederum mit Gras, plus Rosshaar und Baumwolle kombiniert.

 

Eigentlich verwebt sie die verschiedenen Materialien zu einem abstrakten Gebilde miteinander, blickt man jedoch hinüber zur Rauminstallation „Zelt“, bei der schätzungsweise etwa 360 Kaffeefilter aneinander genäht wurden, bekommt man unwillkürlich beim Blick zurück die Assoziation an eine Tasse mit dampfendem Inhalt.

 

Im Gegensatz zum Behältnis, das Flüssigkeiten und Speisen aufnimmt, weist das Zelt zwar die umgekehrte Form auf, beherbergt aber ebenso etwas, üblicherweise Menschen und ihre diversen Besitztümer.

So ist die Zeltform auch ein gebräuchliches Symbol für Familie, Schutz, Geborgenheit und Heimat geworden. Die Künstlerin hat es im Jahr 2010 geschaffen, nachdem sie rund zehn Jahre Kaffeebeutel gesammelt und getrocknet hatte.

Und nein, ich habe es auch gleich gefragt, die Künstlerin ist nicht süchtig nach Kaffee. Es reichte ihr eine Tasse am Tag, um so viele Filter zusammenzubringen.

 

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Denn nun kommen wir zum einzigen Mann im Ausstellungsbunde, oder, verzeihen Sie mir bitte den Kalauer, der einzig und allein dem Ausstellungsthema entsprungen ist: zum „Hahn im Korb“.

 

Horst Peter Schlotter, 1949 in Stuttgart geboren, studierte ebenfalls an der dortigen Kunstakademie, bei den Professoren Peter Grau und dem begnadeten Zeichner Gunter Böhmer.

 

Für seine anmutige Malerei verwendet der Künstler niemals vorgefertigte Acrylfarbe aus der Tube, sondern mischt die Pigmente mit Acrylbinder an. Daher bekommen die Oberflächen ihren einzigartigen und somit sehr haptischen Reiz. Die Gemälde des Künstlers bestechen durch ihre satte Farbwahl, oftmals benutzt er Komplementärkontraste wie sie Blau zu Gelb oder Rot zu Grün ergeben.

 

Als Vorlagen für seine Bildfindungen dienen ihm Fotos, aber auch die Formen antiker, römischer und griechischer Behältnisse oder alter chinesischer Kulturgüter. Bei seinen Titelgebungen lässt er sich häufig von geflügelten Worten oder Redewendungen, zuweilen auch von der Literatur inspirieren, was etwa bei seinem Gemälde „In Stücken in der Zeit treiben“, ein Ausspruch von Robert Musil, der Fall ist.

 

Der Bildinhalt, der ihn durchweg fasziniert, ist das Thema des Gefäßes und damit einhergehend das des Auf- und Bewahrens. Ob als Schale, Schüssel oder als Vase gemalt, es umgibt sie immer eine Aura von etwas Geheimnisvollem, Höherem.

 

Ein Motiv, auf das Horst Peter Schlotter in letzter Zeit wieder verstärkt zurückgekommen ist, ist zudem der Kopf. Man erkennt ihn in Verbindung mit zwei archaisch anmutenden Gefäßen beispielsweise in dem Gemälde „Trias“, im Original zu sehen einen Ausstellungsraum weiter vorne, aber auch auf seinem zweigeteilten Bild „Fundstelle“ in diesem Raum.

 

Das Bild des Kopfes wird dabei verstanden als das Behältnis, in dem alle Erinnerungen, Erfahrungen und Erlebnisse, alles, was wir als Menschen je gehört, gesehen oder gefühlt haben, aufbewahrt wird.

 

Der im Raum Karlsruhe lebende Horst Antes, mittlerweile schon ein moderner Klassiker, der für seine Kunstfigur des Kopffüßlers weltberühmt geworden ist, teilt H.P Schlotter zusammen mit nicht wenigen Künstlern die Faszination für dieses Bildmotiv und fasste seine eigene überbordende Begeisterung für das Kopf-Thema, welches er später konsequent zum Haus-Thema weiterentwickelte, schlagwortartig zusammen, ich zitiere:

 

„Im Kopf kann alles passieren“.

 

In seinen Gemälden greift H.P. Schlotter zudem mit Vorliebe die traditionsreiche Stillleben-Malerei auf, die jedoch in der Gattungshierarchie seit der Mitte des 17. Jahrhunderts nach der Historie und dem Porträt, noch hinter der Genre- und Landschaftsmalerei und somit als rangniedrigste Kategorie eingestuft wurde.

 

Im Grunde ist diese Aufteilung (was übrigens auf zahlreiche von uns Menschen gemachte Kategorisierungsversuche zutrifft), geradezu absurd. Früher wurde von dem Belebten hin zum Unbelebten gewertet, da man glaubte, daran das künstlerische Vermögen ableiten zu können. Die Historienmalerei beinhaltet ja meist mehrere dem Leben nachempfundene Menschen, oft dargestellt in einer Landschaft oder einem durchgestalteten Raum. Das Stillleben hingegen, das sich erst seit etwa 1600 als autonome Gattung etablierte, zeigt wie die Bezeichnung schon suggeriert, unbewegliche und leblose Gegenstände.

 

Wie gesagt, es ändern sich (in diesem Fall glücklicherweise) die Zeiten. Das Stillleben als hochkonzentrierter Ausschnitt der Gegenstandswelt ist heute beliebter denn je. Die althergebrachte Einteilung gilt als verworfen und niemand, ausgenommen wir „Kunsthysteriker“, würde sich noch an diese einstige Wertung erinnern.

 

Vergleichbar mit Linde Wallner in ihren Keramiken, nähert sich auch H.P. Schlotter wie ein Archäologe seiner Malerei an, ein bereits erwähntes Bild ist demnach nicht zufällig „Fundstelle“ betitelt, was natürlich von seiner speziellen Vorgehensweise herrührt: Schicht für Schicht werden die Farbaufträge nämlich aufgetragen oder freigelegt.

 

Untere Schichten bleiben sichtbar stehen oder sie werden voneinander überlagert. Auch benutzt er hin und wieder Schablonen, die er auf den bereits frei bemalten Bildträger appliziert.

 

In diesem Zusammenhang stehen vor allem seine Papierarbeiten, in denen er die unter den Schablonenformen stehen gebliebenen „Inhalt“ mit dem später dazugekommenen „Hintergrund“ ummalt. Nicht selten überdeckt der Künstler zuvor gefundene Kompositionen, was von seiner palimpsestartigen Auffassung gegenüber der in Schichten aufgebauten Malerei erzählt.

 

Ist nicht auch das Wort „Geschichte“ vom selben Wortstamm abgeleitet und bedeutet im ureigensten Sinn eine „Anhäufung von Schichtungen“?

 

Demgemäß fertigt der Künstler seit nunmehr bald 30 Jahren jeden Tag mindestens eine vom aktuellen Tagesgeschehen und vom Zeitgeist inspirierte „Tagebuchzeichnungen“ auf spielerische Weise aus und bindet sie in einem tagebuchähnlichen Skizzenbuch. So entstanden kontinuierlich 3-4 Künstlertagebücher pro Jahr.

 

Eine Kostprobe können Sie sowohl bei dem gerahmten Buch hier bekommen, zudem hat der Künstler auch eines zum Durchblättern ausgelegt. Ein sehr lohnenswerter Einblick in ein Künstlerleben.

 

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Wir haben nun zwar einen viel zu kleinen, aber in der Kürze dennoch einen ergiebigen Eindruck von drei Künstlerpositionen bekommen, die allesamt wesentliche Themen der Menschheitsgeschichte, Zeit und Metamorphose, in ihren Werken widerspiegeln, allesamt mit dem darüber schwebenden Symbol eines Behältnisses zum Bewahren, dem geheimnisumwobenen „KAR“, das beruhigenderweise dafür sorgt, dass nichts verloren geht.

 

Mit diesen Schlussworten möchte ich Sie entlassen, bedanke mich vielmals und vor allem bei den Künstlern für diesen einmaligen Ausstellungsgenuss, freue mich über Ihr geduldiges Zuhören, und wünsche im Anschluss noch viele gute und vertiefende Gespräche.