„Der Kopf ist ein Gefäß“

Horst Peter Schlotter, Ausstellung in Bad Boll


Als ich vor einigen Wochen die Stuttgarter Zeitung las, sprang mir folgende Überschrift ins Auge:„Was macht Kultur mit unserem Hirn?“ Es handelte sich dabei um ein Interview mit dem renommierten Hirnforscher Prof. Dr. Gerhard Roth von der Universität Bremen. Wenn wir Musik hören, ein Gemälde betrachten oder ein Buch lesen, wird eine ganze Reihe neurobiologischer Prozesse ausgelöst. Den Kunstgenuss als feuernde Neuronen in bestimmten Hirnarealen und als ausgeschüttete und andockende Botenstoffe zu beschreiben, übt eine gewisse Faszination auf den Betrachter aus, der sich diese Aktionen, Bewegungen und Veränderungen bildhaft vorzustellen vermag. „Wenn wir Vergnügen an der Kunst empfinden und etwas als schön, als sinnlich oder als anregend wahrnehmen, werden bestimmte Botenstoffe ausgeschüttet. Das sind in erster Linie hirneigene Opioide, also opiumähnliche Stoffe, während hingegen, z.B. musikalische Missklänge durchaus auch körperliche Schmerzen auslösen können“ , so Gerhard Roth.

Es passiert etwas in unserem Gehirn. Gefühle werden aktiviert, Gesehenes verarbeitet, Erinnerungsbilder gelagert. Das Gehirn, dieses äußerst aktive Organ, ist Ort unseres individuellen wie auch kollektiven Gedächtnisses, ein Speicher- und Verarbeitungsmedium für die Wissensproduktion, und es sitzt in der Hirnschale. „Der Kopf ist ein Gefäß“, so der Titel dieser Ausstellung. Dieser komplexen Verknüpfung von Kopf und Gefäß gibt Schlotter in seinen Bildern vielfältige Erscheinungsformen.

Etymologische Verbindungslinien bestehen: „Kopf: (mittelhochdeutsch: kopf) bedeutet Trinkgefäß, Schale, Hirnschale, entlehnt aus dem lateinischen: cupa, cuppa = Becher, Trinkgefäß. Der Bedeutungsübergang zur Körperteilbezeichnung vollzog sich aufgrund der in früherer Zeit vorhandenen bildlichen Vorstellung vom Kopf als eine „Hirnschale.“ Weit zurück in die Menschheitsgeschichte führt auch die Herstellung von Gefäßen, Bechern und Schalen für den alltäglichen wie auch kultischen Gebrauch. Sie sind Zeugnisse der frühen Kulturleistung des Menschen. Diese vertrauten und nützlichen Alltagsbegleiter tauchen immer wieder im Werk von Horst Peter Schlotter als Form und Symbol auf. Das Symbol hat zwei Seiten, die entdeckt werden wollen. Zuerst erschließt sich die Außenseite, das Ding an sich, also seine Form. Wir sehen ein Behältnis, eine einfache, elementare Form. Ergänzend fügt der Künstler hinzu, „Als Halbkugel ist die Schale wohl die denkbar harmonischste Form überhaupt: bergend, schöpfend, präsentierend. Sie steht für die Grundbedingungen des sinnlichen Wahrnehmens: Sehen, Fühlen, Schmecken.“ Hinzu tritt die innere, verborgene Seite, die in Ritual, Mythos und Religion verankerte sinnbildliche Ebene. Fast jede Kultur hat dieses archaische Symbol in ihrem Bildrepertoire.

Im Herder Symbollexikon ist zum Beispiel zu lesen, daß die Schale oft ein Symbol für überströmende Fülle oder Leere ist. In der Bibel erscheint das Bild der Schale in verschiedenen Zusammenhängen, die Schale des Heils oder des Schicksals. Becher und Schale gehören zum weiblichen und mütterlichen Symbolfeld. Diese Bedeutung ergibt sich aus der offenen Form, die als passiv, auf das Empfangen ausgerichtet, gedeutet wird. Und da die Schale, ebenso wie der Kelch, zum Spenden von Trank und Nahrung verwendet wird, stellt sie ein Sinnbild für die mütterliche nährende Brust dar oder sie wird als empfangendes, bergendes und bewahrendes Behältnis zum Symbol für den mütterlichen Schoß und somit zum Symbol für Fruchtbarkeit. An diesen Verweisen wird deutlich, wie ein Alltagsgegenstand, der im Laufe der Kulturgeschichte mit symbolischen Bezügen aufgeladen wird eine anthropomorphe Dimension erhält. Mit dieser Ebene der Verwandlung von Dingen setzt sich Horst Peter Schlotter in seinen Bildern auseinander.

Die formale Ebene, also die harmonische Form einer einfachen Schale, sowie die symbolische, im kulturelle Menschheitsgedächtnis verankerte Bedeutungsebene transferiert Horst Peter Schlotter in eine ganz eigene mytho-poetische Bildsprache voller Mystik, Geheimnis und Rätselhaftigkeit. Oder anders formuliert: In seinem Bilderkosmos vereinen sich Poesie und kulturelles Wissen zu universellen Bildern vom Menschsein. Er komponiert nicht nach vorher genau festgelegten Gestaltungsprinzipien sondern lässt das Bild aus dem (Ur)grund emporwachsen, Schicht für Schicht.

Horst Peter Schlotter geht aufmerksam durch die Welt, mit einem scheinbar unstillbaren Blick wählt er aus, sammelt, eignet sich an, verarbeitet, reflektiert und transformiert: Eindrücke, Bilder, Ideen, Zitate aus der Kunstgeschichte, Literatur und den Naturwissenschaften. Er saugt auf, was seine Aufmerksamkeit weckt, ihn inspiriert, um aus diesen historischen wie auch aktuellen Fundstücken, die er sich aneignet, Bildwelten zu schaffen. Hierzu bedient er sich der Collagetechnik. Max Ernst sah die Essenz der Collage im Zusammentreffen „von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf einer augenscheinlich dazu ungeeigneten Ebene und dem Funken Poesie, welcher bei der Annäherung dieser Realitäten überspringt“.

Mit dieser Beschreibung kommen wir den Bildcollagen von Horst Peter Schlotter näher. Sein Bildmaterial findet er in Büchern, Zeitschriften, Werbeprospekten und Zeitungen. Auch eigene ältere Bilder bzw. Collagen, die er vergrößert (als Digiprints), dienen ihm als Ausgangsmaterial für Bildschöpfungen, die er dann übermalt bzw. überzeichnet. So bauen sich im Bildraum neue Bedeutungszusammenhänge und Stimmungen auf. Einen wichtigen Bilderfundus stellen auch seine Maltagebücher dar, die für ihn ein Ideen- und Bilderspeicher sind, auf den er immer wieder zurückgreift. Sie stehen für die geistige Kontinuität und Weiterentwicklung seines Werkes, in dem Vergangenes im Heute wieder gegenwärtig wird.

In seinen Collagen geht es nicht um eine wie auch immer geartete Darstellung von Welt, also um ein Nachbilden oder Abbilden, sondern um die Gestaltung einer vielschichtigen Bildwirklichkeit, die das Phänomen Zeit vor Augen führt. Seine Arbeiten wollen uns sensibilisieren für den Augenblick, in dem wir „sind“, und für das Vergangene, in dem wir uns verwurzeln. In einem Katalog des Künstlers steht ein Zitat von John Berger, das ich Ihnen, meine sehr geehrten Damen und Herren, in diesem Zusammenhang vortragen möchte: „Weil die Fähigkeit zu sehen immer da ist, weil die visuellen Kategorien (rot, gelb, dunkel, dick, dünn) konstant sind, und weil so vieles an seinem Platz zu bleiben scheint, vergisst man leicht, dass alles Sichtbare immer das Ergebnis eines unwiederholbaren flüchtigen Zusammentreffens ist. Die visuellen Erscheinungen sind in jedem beliebigen Augenblick eine Konstruktion aus den Trümmern all dessen, was zuvor in Erscheinung getreten ist.“

Nachhaltig beeindruckt hat mich die Arbeit „o.T.“ (Schlafende) von 2014. Im Zentrum steht eine Schale, aus der ein menschliches Gesicht aufscheint: schlafend, geborgen, sanft umhüllt, ein zur Welt kommen, Urgefühle des Bei-Sich-Seins. Vielleicht ein Sinnbild für Geborgenheit, vielleicht auch für Abschied. Vielleicht eine Opferschale. Vorstellungen vom Werden und Vergehen des menschlichen Lebens liegen in diesem Bild. Und das Motiv der Einladungskarte „Der Kopf ist ein Gefäß“: hier ist ein Changieren zwischen Abstraktion und Gestaltwerdung zu beobachten: Umströmt von einem Farbenmeer treffen eine Schale und eine amorphe Form aufeinander. Eine Kopfgeburt? Der Kopf ist ein Gefäß – gefüllt, bis zum Rand. Der Mensch in einem Nachen, unterwegs auf seiner Lebensreise? Der Kopf ist ein Gefäß: Der Mensch als denkendes und fühlendes Wesen und der Mensch als Handelnder, als Kulturschaffender. Das Gefäß als Ausdruck seiner handwerklichen Tätigkeit, des Formens, Sammelns, Aufbewahrens, Kochens, der Sicherung des Überlebens. Das sind meine Assoziationen. Ihre Gedanken, meine sehr geehrten Damen und Herren, gehen möglicherweise in eine andere Richtung. Aber gerade diese vielfältigen Deutungsmöglichkeiten und die damit verbundene Unergründbarkeit, machen die besondere gedankliche Dichte seiner Bilder zwischen Tag-, Nacht- und Alptraum aus.

Hinweisen möchte ich auch auf das Bild aus der Serie „Die Spur erschöpfter Dinge“. Noch einmal führt uns der Künstler in die kulturelle Vergangenheit und orientiert sich in seiner Formensprache an einem antiken griechischen Gefäßtypus, dem Rhyton. Es handelt sich um ein einhenkeliges Trinkgefäß oder Spendengefäß zum Ausgießen von Trankopfern, das oftmals menschen- oder tierförmig gestaltet war. Horst Peter Schlotters Kopfgefäß bezieht sich auf eine afrikanische Plastik, von der er eine Fotografie angefertigte und die er als Vorlage für seine Malerei einsetzte. Aus dem Dunkel des Bildgrundes tritt der Kopf plastisch dem Betrachter entgegen, fremd, urwüchsig, von magisch-mythischer Kraft. Aus einer afrikanischen Schale steigen auf dem Gemälde, o. T. ebenfalls von 2014, zahlreiche Köpfe empor. In diesem surrealen Bildgefüge signalisiert das dominierende Rot Leben, Energie und Vitalität; die Schale verkörpert Vorstellungsbilder von Weiblichkeit und Fruchtbarkeit.

In den Bildern dieser Ausstellung ist die pulsierende Vielstimmigkeit des Lebens gegenwärtig. Es treten wachsende, aufblühende, sich vervielfältigende Bildelemente auf, einzelne Bildsymbole wie Leiter, Stab, Schale und Kopf treten miteinander in einen gedanklichen Austausch, streben nach Nähe oder verbinden sich. Und immer wieder tauchen dämonische Masken, diese ausdrucksstarken „Gesichtsumhüllungen“, in seinen Bildwelten auf. Die Maske umgibt eine geheimnisvolle, unheimliche Aura, die sie in die Nähe ihrer magisch-kultischen Herkunft rückt, so in den Gemälden „Maske I“ und „Maske II. Sie lassen auch an eine Totenmaske denken. Je stärker die Auflösung bzw. Abstrahierung der Maske desto stärker treten elementare menschliche Gefühlszustände wie Angst, Schmerz und Bedrohung hervor und der Blick wendet sich nach innen. Bei den Naturvölkern, das sei nur kurz bemerkt, werden schmerzvolles Sterben, Leiden und andere Gefühlsextreme in den Masken verdichtet.

Der historische Weg des Maskenmotivs verläuft, ausgehend von Kult und Ritus, über die Welt des Theaters und des Karnevals bis hin zur Bildenden Kunst und macht die Entwicklung der Maske von einem Kultgegenstand hin zu einem Darstellungsinstrument nachvollziehbar. Am Motiv der Maske lässt sich die Dualität von Innen und Außen thematisieren. So ist dieses Wechselspiel menschlichen Seins zwischen Verbergen, Verstellen und Enthüllen, das in den Maskenbildern von Horst Peter Schlotter eine zentrale Rolle spielt. Es stellen sich Fragen nach dem wahren Gesicht, nach der inneren Wahrheit, nach Identität.

Identität ist ein subjektiver Konstruktionsprozess, in dem ein Ausgleich von innerer und äußerer Welt gesucht wird. Wie gelingt es in einer fragmentierten und widersprüchlichen Welt einen stimmigen Ausgleich herzustellen? Als wichtiger Identitätsbaustein gilt die kulturelle Verortung, dieses Entdecken, Bewahren und Weiterverarbeiten bzw. individuelle Fortschreiben von ikonografischen Bildmotiven.

Zum Beispiel: Ein Gemälde von 2010 trägt den Titel „Das Gedächtnis der Dinge“. Es zeigt eine Schale, gefüllt mit blauen Stäben. Dieses farbstarke Gemälde, vor allem der subjektive Malgestus und die Magie der Form, führen dem Betrachter die Einmaligkeit und Authentizität von Dingen vor Augen, die er an den neuen, industriell gefertigten Massenprodukten in seinem häuslichen Umfeld vermisst. Im Kontext der Kunst erfahren wir die Besonderheit, Dauerhaftigkeit und elementare Präsenz der Dinge, denen eine geschichtliche Zeugenschaft innewohnt. Sie haben ein Gedächtnis, Erinnerungen, eine eigene Geschichte, die bis in die Frühzeit zurückreicht. Sie sind ein Teil unserer kulturellen Identität.

Heiderose Langer