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Irene Ferchl
„Hybrid oder Eins zum Anderen“ – neue
Dimensionen
Horst Peter Schlotters Ausstellung in der Wendelinskapelle, 22. November
2009
Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,
lieber Peter,
… ein bisschen erstaunt werden einige von Ihnen gewesen sein,
als sie die Einladung zu dieser Ausstellung erhielten, ein wenig verwundert
über den ernsten Künstler vor einem großformatigen,
beinahe überdimensionalen Bild – oder entstieg er vielleicht
sogar dieser Szenerie? Grüblerischer, als man ihn kennt, bezieht
er Position wie auf einer Bühne, in einer Inszenierung.
Rätselhaft, offen für unterschiedlichste Assoziationen erscheint
einem au der Karte auch die gelbe Rundung, in der man je nach individueller
Phantasie etwas Schlangenartiges oder einen Elefantenrüssel, etwas
Pflanzliches oder Phallisches entdecken kann – Farne entrollen
sich ähnlich wie Würmer. Der grün-türkise Bogen
konturiert möglicherweise eine Blütenblattform, das länglich-rotschwarze,
diffus geöffnete Objekt im Zentrum hingegen könnte einen Fruchtstand
andeuten, eine Vulva, den Ursprung der Welt …
Wenigstens die uns aus Schlotters Arbeiten seit längerem wohlvertrauten
blauen Teilchen schweben im undurchsichtigen Dunkel links wie rechts
im strahlenden Licht.
Das gesamte Triptychon hier an der Chorseite der Kapelle eröffnet
weitere Möglichkeiten des Sehens, schon die Größe von
5,50 Metern Länge beeindruckt, ebenso eine Energie, die aus der
Wiederholung der zentralen Form erwächst, und natürlich der
Farbigkeit. Hier offenbart sich ein größerer künstlerischer
Anspruch, ein neues Selbstbewusstsein – das ist kein Wohnzimmerformat,
wie es noch die Paarbilder gewesen sind.
„Loop“ hat Horst Peter Schlotter dieses dreiteilige Gemälde
genannt, und eine sich überschlagende Schleife könnte man
auch tatsächlich erkennen – aber um eindeutige Identifikation
geht es ihm nicht, das bemerkt sofort, wer die Augen entlang diesem
Fries an den Wänden schweifen lässt.
Gebündelt und gekreuzt, geschichtet und gemischt – Horst
Peter Schlotters Hybrid-Bilder überraschen mit neuen geheimnisvollen
Formen und leuchtenden Farbkombinationen, erscheinen zugleich aber vertraut;
blaue Stücke und biomorphe Teile schweben entgegen den Gesetzen
der Schwerkraft, Strukturen durchdringen und überlagern sich, Striche
schaffen Räume und der Raum wandelt sich zur Fläche. Spontan
meint man, Früchte, Samen, Blüten zu sehen – oder täuscht
man sich? Sind es Zellhaufen mit Kernen, Wasserwesen, Insekten, Innereien?
Der Künstler nennt diese Werkserien „Naturgeschichte“
und „Aus der Naturlehre“, das klingt seriös, wissenschaftlich
und eindeutig.
Sein Seneca-Zitat (im Katalog zur Ausstellung) stellt jedoch gleich
wieder alles in Frage, denn die realen Sachverhalte interessieren den
Maler der Gegenwart genauso wenig wie den Philosophen vor zwei Jahrtausenden:
„Was interessiert mich, was für die Natur gewiss ist, wenn
es für mich ungewiss ist.“
Welcher Konflikt deutet sich hier an: einer zwischen Natur und Kultur
oder eher der zwischen Natur und Wissenschaft, zwischen Erkenntnis und
Wissen, Individuum und Welt?
Gehen wir zuerst einmal kurz dem nach, was gewiss ist, die Naturlehre
– obwohl selbst dort Uneinigkeit herrscht und man je nachdem,
welche gedruckte oder digitale Quelle (Brockhaus oder Google) befragt
wird, Ergebnisse zwischen Chemie, Physik, Landbau, Optik, dem Philosophen
Kant und der Popsängerin Björk, Hildegard von Bingen und Leonhart
Euler erhält.
Bei Horst Peter Schlotter bedeutet „Aus der Naturlehre“
zunächst eine bestimmte Technik auf der Grundlage eines besonderen
Fundes: Diese hier ausgestellten vier großen Bilder – der
dreiteilige „Loop“ und die drei zweiteiligen „Hybride“
– basieren auf alten Schautafeln aus dem Biologieunterricht. Die
älteren unter uns werden sich an solche noch erinnern – an
die ambivalenten Gefühle, anziehend und abschreckend zugleich (ob
Derartiges als Folie projiziert oder gebeamt auch so wirkt? Vielleicht.)
Fragmente dieser Lehrtafeln, übrigens perfekte Vorlagen, weil in
ungerastertem Siebdruck hergestellt, wurden von Schlotter übermalt,
überklebt, gescannt, geplottet und wiederum übermalt. Zu den
traditionellen künstlerischen Techniken wie Collagieren und Übermalen
kommen die neuen Möglichkeiten des Scannens (kennt inzwischen jeder)
und Plottens, des vergrößerten Ausdruckens der Digiprints
auf einem Trägermaterial, das „Canvas“ heißt
und auch der Leinwandstruktur ähnelt.
Seit vier, fünf Jahren benutzt er diese neue Art der Mischtechnik,
entstehend aus mehreren, aufeinander folgenden Arbeitsgängen, die
frühere Serie der „Stolen Images“ ist ebenso entstanden
– in der Musik würde man von Sampeln sprechen.
Der Begriff „Hybrid“, den Horst Peter Schlotter als Titel
von Arbeiten und dieser Ausstellung insgesamt gewählt hat, ist
äußerst raffiniert und schillernd, selbst wenn wir die eine,
aus dem Griechischen stammende, „überhebliche“ Bedeutung
des Wortes gar nicht berücksichtigen: Hybrid (von lateinischem
Ursprung) meint: von zweierlei Herkunft, zusammengesetzt aus verschiedenen
Teilen, etwas Zwitterhaftes. In der Biologie sind „Hybride“
Züchtungen mit besonderen erwünschten Eigenschaften –
vor allem bei Rosen bekannt und verbreitet –; in der Sprachwissenschaft
bezeichnet man damit zusammengesetzte Worte, die verschiedenen Sprachen
entstammen; in der Mythologie wäre ein Kentaur aus Mann und Pferd
gebildet ein Hybride, ein Minotaurus oder eine Wasserfrau; im Fahrzeugbau
kombiniert man verschiedene Antriebe, bei Autos aktuell Kreuzungen aus
Verbrennungsmaschine und Elektromotor.
Ja, und in der Kunst bedeutet Hybrid ab sofort eine raffinierte Technik
mit einer faszinierenden Wirkung!
Ganz neu ist das bei Schlotter jedoch nicht, vor einiger Zeit trug ein
Bild schon mal den Titel „Hybrid“ (die „Stolen Images“
von 2004/05 habe ich bereits erwähnt), und wer seine Arbeit seit
längerem verfolgt, erinnert sich an frühere Serien wie „Blow
ups“ oder „Tilia“ oder die „Nachträge zu
Linné“ oder die „Blossfeldt-Variationen“ und
einige andere.
Seine Markenzeichen sind seit jeher Schichtungen, Material-Kombinationen
und die Verwendung von Gefundenem jeglicher Herkunft: es können
Fundstücke im Sinne des Wortes sein, der nackte Vogelschädel
aus dem Garten, Samen von Früchten, Schoten, Blätter, Wurzeln;
Gegenstände, die sich über die Jahre im Atelier angesammelt
haben, in Zeitungen, Zeitschriften gefundene Bilder oder Relikte von
Kollegenarbeiten. Diese objet trouvées werden aufgehoben, eingelagert,
aufbewahrt, in der Vitrine oder im Kopf und irgendwann tauchen sie dann
in seinen Bildern wieder auf.
Wenn Sie die Malertagebücher aufmerksam durchblättern, wird
Ihnen auffallen, dass darin Vorlagen, Anfänge, gewissermaßen
„Ideenskizzen“, oder auch Werkstattmarginalien auftauchen:
beispielsweise gibt es dort eingeklebt sechs von den „Kleinen
Stücken“, diesen 10 mal 10 Zentimeter großen Quadraten,
die jetzt als Holzobjekte an der Wand hängen, ursprünglich
mit dem hübschen Titel „Eine Veränderung ist eine Veränderung
ist eine Veränderung“.
Und Sie finden darin eine Reihe von pflanzlichen, tierischen –
nennen wir sie vielleicht am einfachsten noch einmal – biomorphen
– Formen, die in den zartfarbigen Arbeiten wiederkehren: diese
„Zeichen“, „Kräftespiele“, „Veränderungen“
mag ich besonders gern wegen ihrer rätselhaften, transparenten
Wirkung: wunderbare Palimpseste ergibt das, durch auf dem Print aufgetragenes
Pigment unter der Wachsschicht.
(Der Begriff zieht sich auch schon lange durch: Palimpseste, wie die
mehrmals überschriebenen und in ihren Schichten geheimnisvolle,
unentschlüsselbare Aussagen bergenden Schriftstücke der Antike
und des Mittelalters.)
Diese Serie nennt Schlotter „Aus der Naturgeschichte“, was
einerseits auf die Herkunft der Schautafeln, andererseits auf Max Ernsts
„Histoire naturelle“ anspielt: Es ist eine Hommage an den
– wie ich finde – spannendsten Protagonisten der Surrealisten.
Wir haben dieser Tage über Zeitgeist und Moden und Wiederentdeckungen
gesprochen, Horst Peter Schlotter meinte, er hätte sich schon gern
zum Surrealismus bekannt, aber da dachten immer alle nur an Dali oder
Magritte, wohingegen Max Ernst ungleich spannender ist, ein Grenzgänger
ja auch, dieser Dada-Max, der früh, vielleicht als erster, Frottage
und Collage-Techniken verwandte, in dem Vorhandenen, Gefundenen Anderes
entdeckte und immer neue Welten aus eigentlich längst Bekanntem
geschaffen hat. Dieses Faible für Ambivalenz, für allerlei
Interpretation offene Darstellungen und solch eine skeptische Ironie
besitzt auch Horst Peter Schlotter, zudem eine Neugier auf alles, was
da in Bild und Wort auftaucht und: eine ungeheure spielerisch Lust,
damit etwas anzufangen.
Zurück noch einmal kurz zu den Malertagebüchern, die vielleicht
nicht alle von Ihnen bereits kennen.
Seit 1979, also seit 30 Jahren, füllt Horst Peter Schlotter jährlich
ein bis zwei dieser etwa 80 bis 90seitigen Bücher, die eigens für
ihn, nach seinen Bedürfnissen (von Susanne Neuner) angefertigt
werden. Der graue, stabile Karton, die schwarzen Leinenecken, die selten
und dann eher kryptisch bemalten oder beschriebenen Umschläge,
aber auch die Farb- und Gebrauchsspuren kennzeichnen diese Künstler-Tagebücher,
angereichert mit gemaltem, gezeichnetem, geklebtem Leben.
Sie bilden die Chronik seines Schaffens, Seite folgt auf Seite, wie
Tag auf Tag, und fixiert das Vergehen der Zeit ebenso, wie sich darin
das Schaffen in einem bestimmten Lebensabschnitt dokumentiert. Momentaufnahmen
erhalten trotz ihrer eher zufälligen Abfolge im Nachhinein eine
logische Konsequenz, addieren sich zu einem Ganzen, einem Archiv der
Erinnerungen.
Fundstücke jeglicher Art finden darin Eingang: Das sind vor allem
ausgeschnittene Fotografien aus Zeitungen oder Zeitschriften, Details
von Fotokopien, Seiten vom Andruck des neuen Katalogs oder der Probedruck
der letzten Radierung, also gesammeltes Bildmaterial, das tagesaktuell
verwendet wird oder aus dem Fundus stammt, der um und umgeschichtet
im richtigen Moment und Kontext das passende Stück offenbart. Das
sind aber auch Pergament, Folien und Papiere, deren Transparenz oder
haptische Anmutung den Künstler stimuliert; Polaroids, bei denen
er die Trägerschicht abgelöst hat, Röntgenbilder von
einem Besuch im Krankenhaus, Souvenirs wie Marmorsand von der Reise
nach Carrara oder Asche aus dem Garten oder Cochenille, der rote Farbstoff
aus Läuseblut (vermischt mit eigenem Blut, das bei der Jagd danach
floss) – also objets trouvés im Sinne des Wortes.
Für einen Künstler mit einer solch großen Aufmerksamkeit
auf die Welt wie Horst Peter Schlotter wird es immer neues Material
geben, wird Kreativität durch die abseitigsten, winzigen-übersehenen,
kuriosen Fundstücke ausgelöst, werden Ideen aus den unterschiedlichsten
Anregungen, aus botanischen oder zoologischen Rätseln, geboren.
Da führt uns zurück zum Seneca-Zitat: „Was interessiert
mich, was für die Natur gewiss ist, wenn es für mich ungewiss
ist.“
Senecas, des Stoikers, philosophische Erkenntnis könnte man vorsichtig
(für die sonntägliche Matinee) vielleicht so zusammenfassen:
als Vernunftwesen in Entsprechung mit den Gesetzen der Natur zu leben.
Also: Befreit vom Alltag, der Forderung der Dinge, ein Leben in Ruhe
und Gelassenheit zu führen.
Nicht grüblerisch tritt Horst Peter Schlotter also vor die Bühne
seiner neuesten Arbeiten, sondern gelassen und vielleicht auch zufrieden
mit dem, was er in den letzten Monaten geschaffen hat, Großes
und Kleines, Eins kam zum Andern, die Hybride sind gelungen, neue Dimensionen
erreicht.© Irene Ferchl, November 2009
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